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01 — Politics App

Wie bringt man 20-Jährige dazu, sich freiwillig mit Politik zu beschäftigen?

Eine App, die junge Menschen spielerisch an Politik heranführt. Zwei Nutzertests haben meine Hypothesen geprüft.

UX DesignHypothesen-ValidierungPrototyping
ROLLE
Alleinverantwortlich
Research, Design & Test
ZEITRAUM
~8 Wochen
Von Research bis Prototyp
KONTEXT
Weiterbildung
Google UX Design Certificate
Mein Design Auftrag:

„Entwickle eine App, mit der Verbraucher herausfinden können, wer sie in der Regierung vertritt.“

— Google UX Design Kurs
Spielkarte Hendrik Wüst
Spielkarte Olaf Scholz
Prototyp testen ↓
AUF EINEN BLICK
Problem
Politik wirkt kompliziert und unzugänglich. Junge Menschen fragen sich, ob es sich überhaupt lohnt, sich damit zu beschäftigen.
Ansatz
Politiker als Quartett-Karten, die alle wichtigen Infos auf einen Blick bündeln, bewertet nach Skandalometer, Cringefaktor, KanzlerInnen-Aura und Style. Ein Spielprinzip im Vokabular der Gen Z.
Ergebnis
Ein klickbarer Prototyp über fünf App-Bereiche. Tests mit der Zielgruppe haben Annahmen korrigiert und Designentscheidungen geschärft.

70+ Screens Figma-Prototyp

5 App-Bereiche Home, Politiker, Play, Wissen, Profil

2 User-Tests Mit der Zielgruppe, Annahmen korrigiert

01Das Problem

Warum erreichen Politik-Apps nicht die, die sie am meisten brauchen?

Ausgangslage
Kaum proaktive Info-Suche bei jungen Menschen
Recherche nur kurz vor Wahlen
Trocken & textlastig aufbereitet
Bestehende Apps
Polit Pro, Face the Facts
Gut für bereits Interessierte
Kein Angebot für die Uninteressierten

Junge Menschen zwischen 16 und 25 informieren sich kaum proaktiv über Politiker. Und wenn, dann nur kurz vor Wahlen. Die Recherche fühlt sich wie Pflicht an, nicht wie Interesse.

Bestehende Apps wie Polit Pro oder Face the Facts vermitteln zwar Politikwissen, adressieren aber eine bereits politikinteressierte Zielgruppe. Für die große Mehrheit, die bisher Uninteressierten, gibt es kein Angebot, das sie erst mal reinzieht.

Hypothese

Junge Menschen zwischen 16 und 25, die sich bisher bewusst nicht mit Politik beschäftigen, finden über einen spielerischen Wettbewerbsmechanismus einen Zugang zu politischer Information, den textbasierte Informationsangebote nicht schaffen. Sie vergleichen Politiker, bewerten und sammeln sie.

Messbar: Testpersonen können nach einer Spielsession mindestens einen Politiker oder eine Position benennen, die sie vorher nicht kannten.

02Vorgehen

Vom Problem zum validierten Prototyp

Der Prozess folgt dem Double Diamond: Discover, Define, Develop, Validate.

Riskanteste Annahme

Nicht, ob Gamification funktioniert, sondern ob die Zielgruppe für politische Inhalte überhaupt eine eigenständige App installieren würde, statt sie dort zu konsumieren, wo sie ohnehin sind: auf TikTok und Instagram.

01

Discover: Zielgruppe und Marktlücke verstehen

Ich hätte eine klassische Informations-App bauen können, aber die gab es schon, in guter Qualität. Alle bestehenden Apps bedienten Menschen, die schon nach politischen Informationen suchen. Mein Ansatz war ein anderer: Statt noch eine Informations-App zu bauen, wollte ich die bisher Uninteressierten über Gamification in die politische Welt ziehen.

Inspiriert wurde ich durch die Europawahl 2024 und die Bundestagswahl 2025 und durch eine Beobachtung, die mich auf die Kernidee brachte:

„Markus Söder, Philipp Amthor, Christian Lindner. Über ihre Charakteristika wird sich ständig lustig gemacht. Da wusste ich: Daraus lässt sich etwas bauen, das Gen Z tatsächlich interessiert."

Marktpositionierung
Bestehende Apps
ZielgruppeBereits politisch Interessierte
ZugangInformativ, detailreich, Nachschlagen
MechanikLesen & Recherchieren
MotivationPflichtgefühl, Wissensdurst
Mein Ansatz: Politiker-Quartett
ZielgruppeDie bisher Uninteressierten (Gen Z)
ZugangSpielerisch, Entdecken durch Spielen
MechanikBewerten, Vergleichen, Sammeln
MotivationSpaß, Wettbewerb, Social Sharing
02

Define: Personas, Storyboard, kreative Kernentscheidung

Auf Basis meiner Hypothesen habe ich zwei Personas entwickelt. Diese Personas waren hypothesenbasiert, ein bewusster Startpunkt, den man anschließend qualitativ validiert.

Persona

Paul, 18

Gymnasiast, Leipzig

„Politik ist so kompliziert, ich frage mich, ob es sich überhaupt lohnt, sich damit zu beschäftigen.“

Goals
Infos über Politiker kurz und knapp an einem Ort finden
Politische Infos, die Spaß machen
Frustrations
Frustriert von der Komplexität
Informationen langweilig aufbereitet, schwer zu finden
Persona

Pia, 24

Masterstudentin, Stuttgart

„Informiert sein, ist mir schon wichtig, aber es gibt so viele Meinungen, dass ich manchmal nicht mehr weiß, was ich glauben soll.“

Goals
Meinung bilden & Mitreden können
Bei Wahlen verständlich & objektiv informieren können
Frustrations
Überfordert von der Vielzahl politischer Meinungen
Schwierig, Wahrheitsgehalt von Quellen zu beurteilen
Storyboard

Bevor ich in Figma gesprungen bin, habe ich den Nutzungskontext per Hand skizziert: Eine Kommunalwahl steht an, Paul kennt die Kandidaten nicht → er sucht nach Möglichkeiten, sich zu informieren → findet die App → erstellt ein Konto → spielt Quartett gegen Freunde → kennt danach die Kandidaten und ihre Positionen → kann selbstbewusst wählen.

Die Kernidee

Politiker als Spielkarten

Inspiriert vom Kartenspiel Quartett. Jede Karte = ein Politiker. Zwei Arten von Werten:

Faktische Statistiken
Aktuelles Amt
Zeit in der Politik
Bildungsabschluss
Berufserfahrung
Community Fun-Faktoren
Skandalometer
Cringefaktor
Style
KanzlerInnen-Aura
Warum das funktioniert

Die Fun-Faktoren sind kein Zufall. Sie bilden exakt das ab, worüber sich junge Menschen im Internet ohnehin austauschen. „Wie cringe ist dieser Politiker?" ist eine Frage, die Gen Z stellt.

Und aus der Psychologie wusste ich: Menschen sind deutlich engagierter, wenn sie sich beteiligen können und einen Einfluss auf ein Ergebnis haben. Also nicht nur informieren, sondern bewerten und vergleichen lassen.

Links: Vorderseite (Fakten + Community-Werte) · Rechts: Rückseite (Infos & Positionen)
03

Develop: Vom Sketch zum interaktiven Prototyp

In Figma, einem Tool, das ich für dieses Projekt von Grund auf gelernt habe, entstand ein interaktiver Prototyp mit über 70 Screens. Das Ziel: ein Prototyp, den Testpersonen tatsächlich durchklicken und erleben können.

Der Prototyp bildet fünf App-Bereiche ab:

HomeTrending Politiker, Game-Mode-Auswahl
PolitikerSwipe-basiertes Browsing & Bewertung
PlayQuartett-Gameplay mit Countdown & Kartenvergleich
WissenWahltrends, politisches System
ProfilPolitische Haltung, Top Voices

Die Scope-Entscheidung war bewusst: Aus 30+ Feature-Ideen nur das behalten, was direkt zur Kernmechanik beiträgt: Bewerten, Vergleichen, Sammeln.

Feature-Backlog(Parkplatz)

Bewusst geparkt für spätere Iterationen:

Progressionssystem (Novize → Universalgelehrter)
Follow-Funktion für Politiker
Elo-basiertes Ranking für Quartett-Duelle
Social Sharing (Profilkarten für IG & TikTok)
Push-Strategie (Skandale, Bewertungs-Updates)
Erklärinhalte (Wahlsystem, Institutionen)
Interaktiver Figma-Prototyp↑ Zurück nach oben

Klick dich selbst durch den Prototyp, alle Flows sind interaktiv verlinkt.

04

Validate: UX-Interviews und was ich daraus gelernt habe

Den Prototyp habe ich mit zwei Personen qualitativ getestet, die zum Profil meiner Personas passen:

Interview 1

Michael, 25

Politisch eher desinteressiert

Interview 2

Tom, 22

Durchschnittliches Politikinteresse

In realer Produktentwicklung

Zwei strukturierte Tiefeninterviews waren im Rahmen des Kurses der richtige Startpunkt. Mein nächster Schritt wäre: breitere qualitative Runde (n≥5), danach quantitative Umfrage (n>50) zur statistischen Absicherung der Kernhypothesen.

Die Interviews waren dreiteilig strukturiert: Allgemeine Fragen zum Politikverhalten → freies Erkunden der App-Navigation → Gameplay-Test mit lautem Denken.

Anschließend habe ich die Transkripte in einem Miro-Board thematisch geclustert und zu priorisierten Handlungsempfehlungen verdichtet.

„Ich fühle mich jetzt viel besser informiert über die Politiker, die ich gesehen habe."

Michael, Testperson – nach dem Gameplay-Test
Wichtigste Erkenntnisse
Positiv

Spielkarten & Stats kommen sehr gut an

Mehr Gamification gewünscht

Stats prägnant, witzig & einprägsam

Kritisch

Unklarheiten bei Begriffen & Kategorien

Tutorial dringend notwendig

Hierarchie der Werte schwer erkennbar

Was validiert wurde

Michael: „Die Idee, Politik auf so eine alternative Weise zu vermitteln, finde ich richtig gut."

Tom: „Gerade für Schüler wäre das ein geiles Ding für den Politikunterricht."

Beide wollten die App häufiger nutzen, der spielerische Zugang funktioniert.

Was nicht funktionierte
„Votum abgeben" → Zu formell. Umbenannt in „Wert einloggen"
Kein Tutorial → Spielprinzip nicht selbsterklärend. Ergänzt
Touch-Targets zu klein → Swipe-Navigation inkonsistent. Vergrößert
Punktesystem intransparent → Als offenes Designproblem dokumentiert
Handlungs-Empfehlungen
P0 — Sofort umsetzen
Tutorial zum Spiel ergänzen
Einfache Sprache verwenden („Wert einloggen" statt „Votum")
P1 — Nächste Iteration
Hierarchie der Werte erkennbar machen
"Bevorstehend"-Sektion eindeutiger
Punktesystem transparenter
P2 — Spätere Iterationen
Weitere Gamification (Streaks, Belohnungen)
Mehr Infos zu Politikern
Komplexität durch Game Modi erhöhen
Kartenvergleich – Win Screen
Belohnungsmoment – Karte ziehen

03Ergebnisse

Was dabei rauskam

Testbarer Prototyp70+ Screens in Figma

Ein vollständig verknüpfter, klickbarer Prototyp mit fünf App-Bereichen.

Klare nächste Schritte6 priorisierte Actions

Aus den Interviews, gegliedert in P0 (sofort), P1 (nächste Iteration) und P2 (später).

Qualitative ValidierungErste Signale positiv

Beide Tester bestätigten die Grundannahme. Für echte Validierung: quantitative Forschung (n>50) als nächster Schritt.

04Geschäftsmodell

Wie könnte die App wirtschaftlich funktionieren?

Eine App, die politisches Engagement fördert, braucht ein nachhaltiges Geschäftsmodell. Mein Ansatz kombiniert ein Freemium-Modell für Nutzer mit einer B2B-Plattform für politische Akteure.

Freemium-Kern
Basis kostenlos spielbar (Browsing, Bewertung, Casual-Quartett)
Premium-Kartensets zur Stärkung des Spielerprofils
Erweiterte Kartenrückseiten (Positionen, Selbstdarstellung)
Plattform-Erlöse
Politiker-Profile: Erweiterte Inhalte & Stellungnahmen freischalten
Parteien: Events & Ankündigungen erstellen
Spenden-Infrastruktur (mit Transaktionsgebühr)
Daten & Insights
Anonymisierte Stimmungsbilder & Trend-Analysen für politische Akteure
Kontextuelle Werbepartnerschaften (z.B. politische Bildungsangebote)
Abo-Modell (B2B)
Für Politiker & Parteien: Profil ausbauen, Events erstellen, Analytics einsehen
Monatliche Gebühr für erweiterte Funktionen

05Learnings

Was ich gelernt habe

01

Hypothesenbasierte Personas sind ein Startpunkt – kein Endpunkt

Die UX-Interviews haben bestätigt, dass die Grundannahmen stimmen. Für echte Produktentwicklung wäre der nächste Schritt quantitative Validierung gewesen.

02

Tutorials sind nie optional – auch bei „einfachen“ Mechaniken

Beide Tester brauchten eine Runde, um das Spielprinzip zu verstehen. Auch bei Mechaniken, die man selbst für intuitiv hält, muss man Onboarding testen, nicht annehmen.

03

Sprache ist UX

„Votum“ vs. „Wert einloggen“ klingt klein, war aber der Unterschied zwischen Verwirrung und Verständnis. Microcopy verdient denselben Designprozess wie Layouts.

Was ich durch dieses Projekt gelernt habe

Das Projekt war meine Gelegenheit, einen vollständigen Discovery-Zyklus durchzuführen und zugleich den gesamten Design-Prozess in Figma selbst umzusetzen.

Was ich schon mitgebracht habe

Aus 4 Jahren im B2B-Vertrieb:

Kundennähe
Die richtigen Fragen stellen, um Bedürfnisse herauszufinden
Zwischen Gesagt und Gemeint unterscheiden
Einwände ernst nehmen, nicht wegargumentieren
Was ich hier neu gelernt habe

Diese Fähigkeit in einen strukturierten Produktentwicklungsprozess zu übersetzen:

Hypothesenbildung
Persona-Entwicklung
Prototyping & Testing
Priorisierung (P0/P1/P2)