Wie bringt man 20-Jährige dazu, sich freiwillig mit Politik zu beschäftigen?
Eine App, die junge Menschen spielerisch an Politik heranführt. Zwei Nutzertests haben meine Hypothesen geprüft.
„Entwickle eine App, mit der Verbraucher herausfinden können, wer sie in der Regierung vertritt.“
— Google UX Design Kurs

- Problem
- Politik wirkt kompliziert und unzugänglich. Junge Menschen fragen sich, ob es sich überhaupt lohnt, sich damit zu beschäftigen.
- Ansatz
- Politiker als Quartett-Karten, die alle wichtigen Infos auf einen Blick bündeln, bewertet nach Skandalometer, Cringefaktor, KanzlerInnen-Aura und Style. Ein Spielprinzip im Vokabular der Gen Z.
- Ergebnis
- Ein klickbarer Prototyp über fünf App-Bereiche. Tests mit der Zielgruppe haben Annahmen korrigiert und Designentscheidungen geschärft.
70+ Screens Figma-Prototyp
5 App-Bereiche Home, Politiker, Play, Wissen, Profil
2 User-Tests Mit der Zielgruppe, Annahmen korrigiert
01Das Problem
Warum erreichen Politik-Apps nicht die, die sie am meisten brauchen?
Junge Menschen zwischen 16 und 25 informieren sich kaum proaktiv über Politiker. Und wenn, dann nur kurz vor Wahlen. Die Recherche fühlt sich wie Pflicht an, nicht wie Interesse.
Bestehende Apps wie Polit Pro oder Face the Facts vermitteln zwar Politikwissen, adressieren aber eine bereits politikinteressierte Zielgruppe. Für die große Mehrheit, die bisher Uninteressierten, gibt es kein Angebot, das sie erst mal reinzieht.
Junge Menschen zwischen 16 und 25, die sich bisher bewusst nicht mit Politik beschäftigen, finden über einen spielerischen Wettbewerbsmechanismus einen Zugang zu politischer Information, den textbasierte Informationsangebote nicht schaffen. Sie vergleichen Politiker, bewerten und sammeln sie.
Messbar: Testpersonen können nach einer Spielsession mindestens einen Politiker oder eine Position benennen, die sie vorher nicht kannten.
02Vorgehen
Vom Problem zum validierten Prototyp
Der Prozess folgt dem Double Diamond: Discover, Define, Develop, Validate.
Nicht, ob Gamification funktioniert, sondern ob die Zielgruppe für politische Inhalte überhaupt eine eigenständige App installieren würde, statt sie dort zu konsumieren, wo sie ohnehin sind: auf TikTok und Instagram.
Discover: Zielgruppe und Marktlücke verstehen
Ich hätte eine klassische Informations-App bauen können, aber die gab es schon, in guter Qualität. Alle bestehenden Apps bedienten Menschen, die schon nach politischen Informationen suchen. Mein Ansatz war ein anderer: Statt noch eine Informations-App zu bauen, wollte ich die bisher Uninteressierten über Gamification in die politische Welt ziehen.
Inspiriert wurde ich durch die Europawahl 2024 und die Bundestagswahl 2025 und durch eine Beobachtung, die mich auf die Kernidee brachte:
„Markus Söder, Philipp Amthor, Christian Lindner. Über ihre Charakteristika wird sich ständig lustig gemacht. Da wusste ich: Daraus lässt sich etwas bauen, das Gen Z tatsächlich interessiert."
| Bestehende Apps | Mein Ansatz: Politiker-Quartett | |
|---|---|---|
| Zielgruppe | Bereits politisch Interessierte | Die bisher Uninteressierten (Gen Z) |
| Zugang | Informativ, detailreich, Nachschlagen | Spielerisch, Entdecken durch Spielen |
| Mechanik | Lesen & Recherchieren | Bewerten, Vergleichen, Sammeln |
| Motivation | Pflichtgefühl, Wissensdurst | Spaß, Wettbewerb, Social Sharing |
Define: Personas, Storyboard, kreative Kernentscheidung
Auf Basis meiner Hypothesen habe ich zwei Personas entwickelt. Diese Personas waren hypothesenbasiert, ein bewusster Startpunkt, den man anschließend qualitativ validiert.
Paul, 18
Gymnasiast, Leipzig
„Politik ist so kompliziert, ich frage mich, ob es sich überhaupt lohnt, sich damit zu beschäftigen.“
Pia, 24
Masterstudentin, Stuttgart
„Informiert sein, ist mir schon wichtig, aber es gibt so viele Meinungen, dass ich manchmal nicht mehr weiß, was ich glauben soll.“
Bevor ich in Figma gesprungen bin, habe ich den Nutzungskontext per Hand skizziert: Eine Kommunalwahl steht an, Paul kennt die Kandidaten nicht → er sucht nach Möglichkeiten, sich zu informieren → findet die App → erstellt ein Konto → spielt Quartett gegen Freunde → kennt danach die Kandidaten und ihre Positionen → kann selbstbewusst wählen.
Politiker als Spielkarten
Inspiriert vom Kartenspiel Quartett. Jede Karte = ein Politiker. Zwei Arten von Werten:
Die Fun-Faktoren sind kein Zufall. Sie bilden exakt das ab, worüber sich junge Menschen im Internet ohnehin austauschen. „Wie cringe ist dieser Politiker?" ist eine Frage, die Gen Z stellt.
Und aus der Psychologie wusste ich: Menschen sind deutlich engagierter, wenn sie sich beteiligen können und einen Einfluss auf ein Ergebnis haben. Also nicht nur informieren, sondern bewerten und vergleichen lassen.
Develop: Vom Sketch zum interaktiven Prototyp
In Figma, einem Tool, das ich für dieses Projekt von Grund auf gelernt habe, entstand ein interaktiver Prototyp mit über 70 Screens. Das Ziel: ein Prototyp, den Testpersonen tatsächlich durchklicken und erleben können.
Der Prototyp bildet fünf App-Bereiche ab:
Die Scope-Entscheidung war bewusst: Aus 30+ Feature-Ideen nur das behalten, was direkt zur Kernmechanik beiträgt: Bewerten, Vergleichen, Sammeln.
Bewusst geparkt für spätere Iterationen:
Klick dich selbst durch den Prototyp, alle Flows sind interaktiv verlinkt.
Validate: UX-Interviews und was ich daraus gelernt habe
Den Prototyp habe ich mit zwei Personen qualitativ getestet, die zum Profil meiner Personas passen:
Michael, 25
Politisch eher desinteressiert
Tom, 22
Durchschnittliches Politikinteresse
Zwei strukturierte Tiefeninterviews waren im Rahmen des Kurses der richtige Startpunkt. Mein nächster Schritt wäre: breitere qualitative Runde (n≥5), danach quantitative Umfrage (n>50) zur statistischen Absicherung der Kernhypothesen.
Die Interviews waren dreiteilig strukturiert: Allgemeine Fragen zum Politikverhalten → freies Erkunden der App-Navigation → Gameplay-Test mit lautem Denken.
Anschließend habe ich die Transkripte in einem Miro-Board thematisch geclustert und zu priorisierten Handlungsempfehlungen verdichtet.
„Ich fühle mich jetzt viel besser informiert über die Politiker, die ich gesehen habe."
Michael, Testperson – nach dem Gameplay-TestSpielkarten & Stats kommen sehr gut an
Mehr Gamification gewünscht
Stats prägnant, witzig & einprägsam
Unklarheiten bei Begriffen & Kategorien
Tutorial dringend notwendig
Hierarchie der Werte schwer erkennbar
Michael: „Die Idee, Politik auf so eine alternative Weise zu vermitteln, finde ich richtig gut."
Tom: „Gerade für Schüler wäre das ein geiles Ding für den Politikunterricht."
Beide wollten die App häufiger nutzen, der spielerische Zugang funktioniert.
03Ergebnisse
Was dabei rauskam
Ein vollständig verknüpfter, klickbarer Prototyp mit fünf App-Bereichen.
Aus den Interviews, gegliedert in P0 (sofort), P1 (nächste Iteration) und P2 (später).
Beide Tester bestätigten die Grundannahme. Für echte Validierung: quantitative Forschung (n>50) als nächster Schritt.
04Geschäftsmodell
Wie könnte die App wirtschaftlich funktionieren?
Eine App, die politisches Engagement fördert, braucht ein nachhaltiges Geschäftsmodell. Mein Ansatz kombiniert ein Freemium-Modell für Nutzer mit einer B2B-Plattform für politische Akteure.
05Learnings
Was ich gelernt habe
Hypothesenbasierte Personas sind ein Startpunkt – kein Endpunkt
Die UX-Interviews haben bestätigt, dass die Grundannahmen stimmen. Für echte Produktentwicklung wäre der nächste Schritt quantitative Validierung gewesen.
Tutorials sind nie optional – auch bei „einfachen“ Mechaniken
Beide Tester brauchten eine Runde, um das Spielprinzip zu verstehen. Auch bei Mechaniken, die man selbst für intuitiv hält, muss man Onboarding testen, nicht annehmen.
Sprache ist UX
„Votum“ vs. „Wert einloggen“ klingt klein, war aber der Unterschied zwischen Verwirrung und Verständnis. Microcopy verdient denselben Designprozess wie Layouts.
Was ich durch dieses Projekt gelernt habe
Das Projekt war meine Gelegenheit, einen vollständigen Discovery-Zyklus durchzuführen und zugleich den gesamten Design-Prozess in Figma selbst umzusetzen.
Aus 4 Jahren im B2B-Vertrieb:
Diese Fähigkeit in einen strukturierten Produktentwicklungsprozess zu übersetzen:

