Wie wird guter Schreibstil so mühelos wie das Tippen selbst?
Eine Software-Idee aus der Zeit vor ChatGPT: Nachrichten direkt in WhatsApp und Gmail stilistisch aufwerten. Vom Business Case über 25.000 € Fundraising bis zur bewussten Entscheidung gegen die Gründung.


- Rolle
- AlleinverantwortlichIdee, Business Case & Fundraising
- Zeitraum
- ~2 Jahre2019 bis 2021
- Kontext
- Eigene ProduktideeNeben der Selbstständigkeit
Auf einen Blick
- Problem
- Auf Social Media und in WhatsApp schrieben viele Nutzer ohne Groß- und Kleinschreibung, ohne Kommas, ohne Punkt: Korrekte Sätze waren ihnen den Aufwand nicht wert. Wem guter Schreibstil wichtig war, der musste ihn sich erarbeiten oder Tools wie Grammarly installieren.
- Ansatz
- Keine eigene App, sondern ein Button in der Smartphone-Tastatur, der Nachrichten mit einem Klick korrigiert und stilistisch aufwertet. Verkauft werden sollte die Funktion an Plattformbetreiber wie Apple oder Google.
- Ergebnis
- Ein Business Case, der Investoren überzeugte, mit Marke, Video-Prototypen und Beteiligungsverträgen. Am Ende die bewusste Entscheidung gegen die Gründung, mit vollständiger Rückzahlung der Investorengelder.
Hypothese — Beobachtung & Idee
Die Idee entstand nicht am Schreibtisch, sondern vor laufender Kamera.

Der Satz auf dieser Folie stand am Ende eines ungewöhnlichen Tages. Ein Unternehmer aus meinem Netzwerk, damals mein Mentor, führte mich in einem gefilmten Workshop mit gezielten Fragen durch ein Thema, das ich selbst gewählt hatte: Literatur. Ein Videograf hielt fest, wie aus einem Interesse eine Geschäftsidee werden sollte.


Das Thema war kein Zufall. Ich las damals Autoren wie Roger Willemsen wegen ihres Schreibstils und sah zugleich zu, wie in Chats und Feeds selbst einfache Schreibregeln verschwanden. Aus diesem Kontrast entstand die These. Wenn korrektes Schreiben an Aufwand und Können scheitert und nicht am Wollen, muss eine Lösung genau eines leisten: den Aufwand auf null reduzieren.
Die Hypothese blieb das ganze Projekt hindurch ungeprüft. Alles, was die nächsten zwei Jahre entstand, stand auf dieser offenen Annahme.
Strategie — Wettbewerb & Geschäftsmodell
Alle Tools korrigierten ganze Sätze, aber keines saß dort, wo getippt wird.
Bevor mehr Zeit und Geld in die Idee floss, wollte ich den Markt selbst erleben. Grammarly, damals der größte Anbieter für Schreibassistenz im Englischen, habe ich installiert und im Alltag ausprobiert. Dazu kamen die Duden-Prüfung und alles, was der Markt sonst hergab. Technisch funktionierte fast alles. Aber jedes Werkzeug verlangte einen Umweg: eine Browser-Extension installieren, Text in ein separates Fenster kopieren, Zugriffsfreigaben erteilen. Aus dem Vertrieb kannte ich die Wirkung solcher Hürden: Jeder zusätzliche Schritt kostet Nutzer.
USP-Vergleich — Stand 2019, Thyper als Konzept
Autokorrektur
Grammarly
Thyper
Aus diesem Muster folgte die zentrale Entscheidung des Projekts: Thyper sollte keine eigene App werden, keine Plattform, kein eigenes Frontend. Sondern ein Button in der Smartphone-Tastatur, der nach einem Update einfach da ist. An diese Stelle schafft es aber kein externer Anbieter wie Grammarly oder der Duden; dort landet nur, was die Plattformbetreiber selbst als Feature integrieren.
Damit stand auch das Geschäftsmodell: die Software so weit entwickeln, bis sie funktional überlegen ist, und sie dann an Apple, Google, Microsoft oder Meta verkaufen. Kein eigener Markteintritt, sondern der Verkauf an einen strategischen Käufer: an ein Unternehmen, dessen Produktwelt Thyper als Feature aufwertet.
Die Zielgruppe waren nicht die Nutzer, sondern die Konzerne hinter ihren Apps.
Business Case — Vom Konzept zum Pitch-Deck
In 30 Sekunden verstand jeder, was Thyper sein sollte.
Programmieren konnte ich nicht, und ein technischer Mitgründer fehlte. Also floss die Arbeit in das, was eine Idee für Investoren und Partner greifbar macht: eine geschützte Marke, eine sichtbare Produktvision, ein durchgerechneter Business Case.
Den Namen Thyper habe ich als Wortmarke beim Deutschen Patent- und Markenamt eintragen lassen; das Logo, ein Pfeil nach oben im Kreis, trägt den Claim „Just push.“

Überzeugender als jede Beschreibung ist das, was Menschen selbst sehen können: Ein Videoeditor setzte nach meinem Briefing Animationsvideos um, die Thyper fertig integriert in WhatsApp zeigen. Ein Nutzer tippt, drückt den Button, die Nachricht wird korrigiert und aufgewertet. Diese Video-Prototypen wurden das stärkste Element jedes Pitches: Sie zeigten kein Konzept, sondern ein Erlebnis.


Parallel habe ich mich in Sprachwissenschaft und Wortcodierung eingearbeitet, um gegenüber Partnern fachlich bestehen zu können. Drei Iterationen der Codierungslogik entstanden: v1.0 mit Zahlencodes, v2.0 auf Basis von Morphemen, v3.0 mit Binärcode. Für einen funktionierenden Algorithmus hätte das nie gereicht, das war mir klar. Aber es zeigte in jedem Gespräch: Hier hat sich jemand ernsthaft mit dem Problem beschäftigt.
- v1.0 — Zahlencodes
- v2.0 — Morpheme
- v3.0 — Binärcode
Als greifbarer Proof of Concept entstanden 121 Alltagssätze, von Freelancern jeweils in drei Schreibniveaus umformuliert, von Umgangssprache bis formell. Ein winziger Datensatz, aber er machte das Prinzip der Schreibniveaus in Sekunden verständlich.
- Umgangssprache
- Hey, hast du das vergessen?
- Gehobener Ausdruck
- Hallo, ist dir das entfallen?
- Formal
- Guten Tag, darf ich dich an die offene Angelegenheit erinnern?
Die härteste Frage war die nach den Daten: Ohne hochwertige Sprachdaten lässt sich kein Algorithmus trainieren. Die Recherche reichte von Common Crawl über Freelancer-Datenbanken bis nach Berlin: Ich bin ohne Termin zum Duden-Verlag gefahren und habe an der Tür mein Anliegen vorgestellt. Daraus folgte ein Termin beim damaligen Geschäftsführer. Für eine Zusammenarbeit fehlten auf meiner Seite aber noch einige Meilensteine.
Alles mündete in ein Pitch Deck über 20 Folien: Problem, Lösung, Marktpotenzial, Wettbewerb, Geschäftsmodell und die Finanzierung in Phasen. Die Folien zeigen den Stand von damals, unverändert, inklusive der Ambitionen.
Alle 20 Folien ansehen
Am Ende war die Idee verhandlungsfähig, ohne dass eine Zeile Code existierte.
Fundraising — Investoren & Vertrag
Eingesammelt wurden 25.000 €, angestrebt war mindestens das Doppelte.
Für die Entwicklung hätte es ein Vielfaches gebraucht; die erste Runde sollte vor allem ein Signal an Business Angels senden: Andere Menschen glauben an diese Idee und setzen eigenes Geld aufs Spiel. Mein Modell dafür: 0,1 % Beteiligung an der zukünftigen Gesellschaft je 1.000 €, notariell festgehalten in einem Beteiligungsvertrag mit Rückzahlungsklausel für den Fall, dass keine Firma entsteht. Das Ziel lag bei 50.000 bis 100.000 €.

Fundraising ist im Grunde Vertrieb, nur dass ich kein Produkt verkaufte, sondern eine Idee. Mein Vorgehen war deshalb Kaltakquise, wie ich sie aus meiner Selbstständigkeit kannte: Kontakte aus dem Netzwerk ansprechen, das Deck teilen, die Videos zeigen, nachfassen, Einwände beantworten, den Vertrag besprechen. Wie im Vertrieb üblich gab es deutlich mehr Absagen als Zusagen. Am Ende hatten 17 Menschen unterschrieben, die meisten Geschäftskontakte, dazu wenige Freunde und Familie.
Parallel schrieb ich Angel-Investoren und VCs an. Die Absagen hatten einen gemeinsamen Nenner: Für die meisten war es zu früh, es fehlten Track Record und technische Expertise im Team.
Investiert wurde in eine greifbar gemachte Idee.
Sunset — Bilanz & Entscheidung
Es fehlten Entwickler, Kapital und Daten, also beendete ich das Projekt.
Nach rund zwei Jahren habe ich den Stand nüchtern aufgenommen. Drei Dinge fehlten, und keines davon ließ sich kurzfristig beschaffen:
01
Kein technischer Co-FounderDer gesamte Firmenwert hätte in der Software gelegen. Ohne jemanden, der sie auf diesem Niveau entwickeln konnte, gab es keinen glaubwürdigen nächsten Schritt.
02
Kein weiteres KapitalDie 25.000 € reichten für die Entwicklung nicht, und professionelle Investoren wollten zuerst mehr Substanz sehen.
03
Kein DatenzugangOhne hochwertige Sprachdaten ließ sich kein Algorithmus trainieren; der Duden-Kontakt blieb ein Anfang ohne Fortsetzung.
Also habe ich entschieden, das Projekt geordnet zu beenden, bevor weiteres Geld und weitere Jahre hineinfließen. Da keine Gesellschaft entstand, griff die Rückzahlungsklausel aus den Verträgen: Jeder Investor erhielt sein Geld vollständig zurück.
Die Entscheidung folgte der Bilanz, nicht dem bereits investierten Aufwand.
Learnings
Die offene Hypothese beantwortete später der Markt, nicht ich.
01
Erst das Team, dann das GeldBei einem Produkt, dessen gesamter Wert in der Software liegt, gehört der technische Mitgründer an den Anfang, nicht auf die Suchliste. Die Absagen der VCs sagten es deutlich: Ohne technische Expertise im Team fehlt die Substanz.
02
Validieren kommt vor dem FundraisingDie Nutzungs-Hypothese hätte sich früh prüfen lassen, mit Interviews und einem einfachen Test mit umformulierten Nachrichten. Heute würde ich keinen Euro einsammeln, bevor die riskanteste Annahme geprüft ist.
03
Das Ökosystem schlägt den AlleingangEXIST-Stipendium, Landesförderungen, Demo Days, Gründerzentren: Für genau meine Lage gab es ein öffentliches Ökosystem, das ich kaum genutzt habe. Es hätte die Kapital- und die Team-Frage zugleich adressiert.
Was ich nie getestet habe, ist heute Alltag: Nachrichten mit einem Klick umformulieren.
Eine der häufigsten Alltagsanwendungen von ChatGPT ist genau das: Nachrichten und E-Mails besser formulieren lassen. Und Google baut die Funktion mit Gemini direkt in Gmail ein, dorthin, wo getippt wird. Das beweist den Bedarf, nicht mein Produkt: Ob meine Umsetzung funktioniert hätte, blieb ungetestet.


















