Zum Inhalt springen
Case 02 — BeratungsproduktCase Study · Product Management

Wie entwickelt eine Agentur ihr erstes eigenes Produkt?

Ein Beratungsprodukt, das Mittelständlern beim Aufbau des eigenen Vertriebs hilft. Vom Business Case bis zur Ausgründung.

ResearchPositionierungGo-to-Market

Übersichtsfolie der Vertriebsbroschüre: zwölf Beratungsmodule als ineinandergreifende Zahnräder, von Recruiting und Vergütung bis Controlling und Führung
Rolle
ProduktmanagerDiscovery, Pricing & Rollout
Zeitraum
~16 MonateDez 2024 bis Mrz 2026
Kontext
Sales-AgenturBS Sales Akademie

Auf einen Blick

Problem
Die Agentur übernahm den Vertrieb für ihre Kunden und war damit von wenigen Großaufträgen abhängig. Ihr Wissen über Vertriebsaufbau gab sie nebenbei kostenlos weiter; ein eigenes Produkt gab es nicht.
Ansatz
Dieses Wissen als eigenes Beratungsprodukt: mit Interviews geprüft, gegen den Wettbewerb positioniert, bepreist und an den Markt gebracht.
Ergebnis
Ein Produkt mit zahlenden Kunden und messbarer Wirkung, am Ende die Ausgründung einer eigenen Gesellschaft.
9InterviewsBedarf, Preis und Format geprüft
16MonateVom Projektbeginn bis zur Ausgründung
bis zu60 %UmsatzwachstumBei den ersten Kunden
01

Business Case — Auftrag & Hypothesen

Das Vorhaben stützte sich auf drei Hypothesen. Alle drei waren noch zu prüfen.

Business Case — Erstpräsentation für die Geschäftsführung, Ende 2024
Deckblatt der internen Erstpräsentation mit dem Titel Sales Scaling Mentoring
Deckblatt, unverändert; der Inhalt bleibt vertraulich.

Die BS Sales Akademie baut und führt Vertriebsteams im Auftrag ihrer Kunden, von SaaS bis FinTech. Dabei sammelte sich über Jahre ein Wissen an, nach dem im Netzwerk regelmäßig gefragt wurde. Beantwortet wurde es mit freundschaftlichem Rat, nicht mit einer Rechnung.

Ende 2024 kam der Geschäftsführer mit einem Auftrag auf mich zu: ein zweites Standbein aufbauen, ein Produkt, das der Agentur vollständig gehört. Die Ausgangsidee war ein Mentoring-Programm, skalierbar über Videokurs und Gruppen-Calls. Ich habe daraus den ersten Business Case entwickelt, mit Zielgruppe, Produktversprechen, Programm und Pricing. Die Geschäftsführung gab ihn frei, mit Budget.

Budget
EigenfinanziertReinvestition der Einnahmen
Team
Alleinverantwortung ProduktGeschäftsführer als Sparringspartner, Freelancer bei Bedarf
Zeitrahmen
6 Monate PilotphaseBedarf validieren, erste Kunden gewinnen

Die drei Hypothesen aus dem Business Case

Hypothese 1
Der Markt existiert. Anbieter wie Zimmer Consulting oder SalesHax Consulting bedienten das Segment bereits, und die Agentur wurde selbst immer wieder um Rat gefragt.
Hypothese 2
Die eigene Praxis ist die Marktlücke. Die meisten Anbieter kommen aus dem Coaching. Die Akademie hat selbst über 250 Vertriebler eingestellt und mehr als 20 Teams aufgebaut.
Hypothese 3
Ein skalierbares Format funktioniert. Videokurs und Gruppen-Calls, günstig zu liefern, breit zu verkaufen. Diese Hypothese stellte sich in den Interviews als falsch heraus.

Für die Freigabe brauchte es keine Gewissheit, sondern hinreichende Annahmen. Markt und Zielgruppe kannte die Agentur aus Jahren eigener Arbeit; was offen blieb, stand benannt im Business Case und wartete auf die Interviews.

02

Discovery — Wettbewerb & Interviews

Neun Interviews widerlegten die wichtigste der drei Hypothesen.

Zuerst die Landkarte: Ich habe sieben direkte Wettbewerber über 24 Dimensionen verglichen, von Produkt und Preis bis Vertriebsprozess und Auftreten. Das Muster war deutlich. Die meisten Anbieter positionierten sich als Premium-Coaches mit Guru-Attitüde und aggressiver Ansprache; genau davon fühlen sich bodenständige Unternehmer eher abgeschreckt.

Baulig

AuftretenGuru-Auftritt, aggressive Ansprache
FormatGruppen-Kurse, Videokurse
ZielgruppeBreit: Coaches, Dienstleister
DifferenzierungDigitale Skalierung

SalesHax

AuftretenLuxuriös, exklusiv
FormatBootcamps, 1:1 Consulting
ZielgruppeSpitz: Agenturen
DifferenzierungHigh-End-Netzwerk

BS Sales Akademie

AuftretenNahbar, auf Augenhöhe
Format1:1-Consulting, 6–12 Monate
ZielgruppeKMU-Mittelstand, 10–50 Mitarbeitende
DifferenzierungEigene Praxis: 250+ Vertriebler eingestellt, 20+ Teams aufgebaut

Danach folgten die Interviews: neun strukturierte Tiefeninterviews mit Geschäftsführern, Vertriebsleitern und Marketing-Verantwortlichen aus unserer Zielgruppe, nach eigenem Leitfaden mit acht Themenbereichen. Ich habe alle Gespräche aufgezeichnet, transkribiert und auf einem Miro-Board ausgewertet: Cluster, Pain Points, Zahlungsbereitschaft. Ihr größter Nutzen war nicht das Kundenprofil, sondern die Neugestaltung des Angebots: Format und Preis des geplanten Programms hielten den Gesprächen nicht stand.

Die Zielgruppe wollte keinen Videokurs, sondern einen Partner, der bei der Umsetzung begleitet. Und sie war bereit, dafür deutlich mehr zu zahlen, als wir annahmen.

Artefakt · ICP-Map aus neun Interviews, Miro-Board, unverändert
Miro-Board mit dem Kundenprofil aus neun Interviews: Demografie, Aussagen, Überzeugungen, Ziele und Pain Points
ICP-Map — Kundenprofil aus neun Interviews
03

Pivot — Erkenntnisse & Entscheidungen

Aus dem skalierbaren Mentoring wurde individuelle Beratung im Retainer.

Die Auswertung der Interviews ließ vom ursprünglichen Konzept wenig übrig, und genau das war ihr Wert. Drei Befunde haben das Produkt neu geformt:

1 · Format

Befund

Im Leitfaden ließ ich alle Formate bewerten: Individuelle 1:1-Beratung bekam fast durchgehend 5 von 5 Punkten, Gruppen-Calls und Netzwerk-Events 2 bis 3. Bei neun Gesprächen ist das kein Messwert, aber ein deutliches Signal.

Konsequenz

Kein Mentoring-Programm. Das Produkt wurde eine Beratung, die sich der Situation jedes Kunden anpasst.

2 · Preis

Befund

Kalkuliert war ein Einmalpreis von 5.000 bis 10.000 €. Die Befragten nannten Budgets von 3.000 bis 10.000 € pro Monat, bei mehrmonatiger Begleitung.

Konsequenz

Statt Einmalzahlung ein monatlicher Retainer über sechs bis zwölf Monate: trägt echte Veränderung und wiederkehrenden Umsatz.

3 · Methode

Befund

Die Probleme ähnelten sich in fast jedem Gespräch: Der Gründer steckt selbst im Vertrieb fest, Prozesse und Controlling fehlen. Nur der größte Engpass lag jedes Mal woanders.

Konsequenz

Eine modulare Methodik statt Schema F: das Max Impact Framework. Jede Beratung beginnt dort, wo der größte Hebel liegt.

Artefakt · Max Impact Framework, selbst entworfen, unverändert
Grafik des Max Impact Framework in drei Schritten: Engpass identifizieren, System bauen, nächster Wachstumshebel
Max Impact Framework — modulare Beratungsmethodik

Aus Wettbewerbsanalyse und Interviews folgten auch die Leitplanken der Positionierung: Zielgruppe ist der Mittelstand mit 10 bis 50 Mitarbeitenden und 500.000 bis 15 Mio. € Umsatz, nicht die Agentur- und Coaching-Szene. Der Auftritt bleibt nahbar und auf Augenhöhe, als bewusster Gegenentwurf zum Guru-Marketing des Markts. Und aus „Mentoring“ wurde „Sales System Consulting“: Es geht um Infrastruktur, Organisation, Führung und Vergütung im Vertrieb, nicht um Coaching. Das Deckblatt aus Kapitel 01 trägt deshalb einen Namen, den das fertige Produkt nie hatte.

Artefakt · Business Model Canvas aus der Konzeptionsphase, unverändert
Business Model Canvas des Beratungsprodukts mit allen neun Feldern, als Post-it-Board
Business Model Canvas — Arbeitsstand, in dem beide Modelle noch nebeneinander stehen

Verkauft wurde fast das Gegenteil des Plans, zu einem Vielfachen des Preises. Diese Korrektur war kein Umweg, sondern der Zweck der frühen Prüfung: Ohne die Interviews wäre das falsche Produkt gebaut worden.

04

Go-to-Market — Launch & Kanäle

Die ersten Kunden kamen über Empfehlungen, nicht über Ads.

Parallel zum Pivot entstand das Go-to-Market-Material. Die Landingpage habe ich in Figma entworfen und getextet, gebaut hat sie ein Entwickler nach dieser Vorlage. Dazu kamen ein zweistufiger Sales-Prozess mit HubSpot-Pipeline, Angebotsvorlagen und Testimonial-Videos: Ich habe die Interviewfragen für die Kunden entwickelt, gedreht hat ein professioneller Videograf.

Übersicht aller Landingpage-Screens in Figma, gruppiert nach Entwurfsständen und Sektionen
Landingpage in Figma — Entwurf und Copy

Die ersten Abschlüsse kamen im Frühjahr über das Netzwerk und Empfehlungen. Vorträge vor Unternehmern brachten Anfragen, der direkte Draht lief über einen QR-Code in den Folien. Bezahlte Ads liefen an und lieferten Leads, blieben aber lange hinter dem Netzwerk zurück.

✓ Was funktioniert hat

Netzwerk und Empfehlungen brachten die ersten zahlenden Kunden

Der nahbare Auftritt zog genau die Unternehmer an, die die Positionierung meinte

✗ Was nicht funktioniert hat

Vortrag auf einer Marketing-Messe: die eigene Zielgruppe war dort nicht

Zu lange alles selbst gemacht, statt früher Spezialisten für Funnel und Ads zu holen

Der stärkste Kanal war das Vertrauen, das die Agentur längst aufgebaut hatte.

05

Delivery — Kunden & Wirkung

Der erste Kunde rechnet nach einem Jahr mit 60 Prozent mehr Umsatz.

Die Beratung selbst lieferten wir zu zweit, der Geschäftsführer und ich. Jeder Kunde startete mit einem Kickoff-Workshop vor Ort, vorbereitet über einen individuellen Fragenkatalog; danach zweiwöchentliche Calls, und nach jedem Call eine E-Mail mit Entscheidungen, Aufgaben und Deadlines. Diese Abläufe habe ich schrittweise standardisiert. Inzwischen erstellen KI-Workflows Fragenkatalog, Agenda und Protokoll auf Basis der ersten Vorlagen.

Was die Beratung inhaltlich liefert, dokumentiert die Vertriebsbroschüre: zwölf Module, von Vergütung und Controlling bis zur Zusammenarbeit mit Marketing und Produkt.

Artefakt · Vertriebsbroschüre, Auszug aus 59 Folien, unverändert
Broschüren-Folie „Unser Versprechen“: planbare Umsätze, Unabhängigkeit vom Gründer, nachhaltige Skalierbarkeit, maximale Vertriebseffizienz
Unser Versprechen — was die Beratung zusagt
Broschüren-Folie „Vergütung & Karriere“ mit Themen zu Provisionsmodellen, Zielvereinbarungen und Anreizsystemen
Modul 4 — Vergütung & Karriere
Broschüren-Folie „Controlling“ mit Themen zu Kennzahlen, Monitoring und Dashboards
Modul 6 — Controlling
Broschüren-Folie „Synergien mit Marketing“ zur Zusammenarbeit von Vertrieb, Marketing und Produktentwicklung
Modul 12 — Synergien mit Marketing

Kundenbeispiel

Grethe-Schellmann Immobilienvermarktungs GmbHÜberregionaler Immobilienmakler · 15 Mitarbeiter · 7-stelliger Jahresumsatz
Herausforderung

Geschäftsführer und Vertriebsleitung verantworteten über 50 % der Umsätze selbst. Für Geschäftsentwicklung und Vertriebsaufbau, die echten Wachstumshebel, fehlte die Zeit.

Lösung

Neuordnung der Rollen, Aufbau einer vollwertigen Vertriebsleitung, neues Provisionsmodell mit Leistungstransparenz, systematisches Sales-Training.

Vollwertige Vertriebsleitung führt das Team

Geschäftsführung aus dem Tagesvertrieb entlastet

Jahresziel ohne Neuakquise in Reichweite

Review-Termin, Januar 2026

„Wir werden dieses Jahr ein Umsatzwachstum von 60 % realisieren, und da habt ihr einen großen Teil dazu beigetragen.“
Jakob Grethe, Geschäftsführer, Grethe-Schellmann Immobilien

Das kritischste Feedback kam im selben Review-Gespräch. Zu Beginn liefen zu viele Themen parallel statt Engpass für Engpass; der Wunsch nach klarer Priorisierung floss direkt in den Beratungsprozess und die Protokoll-Mails zurück.

Nach zwölf Monaten hatte das Produkt sieben zahlende Kunden, dokumentierte Ergebnisse und einen wiederholbaren Beratungsprozess. Die Geschäftsführung entschied, es auszugründen: Aus dem internen Projekt wurde eine eigene Gesellschaft, Scales Consulting.

06

Learnings

Drei Erkenntnisse bleiben, eine davon hätte Monate gespart.

  1. 01

    Interviews korrigieren auch freigegebene Pläne

    Neun Gespräche haben Format und Preis des Produkts neu bestimmt. Ohne sie wäre ein skalierbarer Kurs entstanden, den die Zielgruppe nicht wollte, zu einem Bruchteil des Preises, den sie zu zahlen bereit war.

  2. 02

    Positionierung heißt anders sein, nicht besser sein

    Der stärkste Hebel gegen die Guru-Anbieter war kein Leistungsversprechen, sondern der Gegenentwurf im Auftreten: nahbar, transparent, auf Augenhöhe. Heute würde ich zusätzlich früher pro Branche zuspitzen: Eine Beratung für Softwarefirmen zieht stärker als eine für alle.

  3. 03

    Eigenleistung ist eine Strategie mit Verfallsdatum

    Landingpage, Ads, Funnel: Vieles konnte ich selbst, und genau das war die Falle. Erst spät kamen Spezialisten für Funnel und Ads dazu, das hat Monate gekostet.

Der letzte Beweis steht aus: dass der Prozess auch mit neuen Beratern funktioniert.

Dokumentiert ist alles, vom Fragenkatalog über das Know-how bis zur Protokoll-Mail. Ob damit auch jemand beraten kann, der das Produkt nicht mit aufgebaut hat, wird Scales Consulting zeigen.