Wie bringt man 20-Jährige dazu, sich freiwillig mit Politik zu beschäftigen?
Eine App, die junge Menschen spielerisch an Politik heranführt. Zwei Nutzertests haben meine Hypothesen geprüft.


- Rolle
- AlleinverantwortlichResearch, Design & Test
- Zeitraum
- ~8 WochenVom Briefing bis zum Nutzertest
- Kontext
- WeiterbildungGoogle UX Design Certificate
Auf einen Blick
- Problem
- Politik wirkt kompliziert und weit weg. Junge Menschen informieren sich erst kurz vor einer Wahl, wenn überhaupt.
- Ansatz
- Politiker als Quartett-Karten, die alle wichtigen Infos auf einen Blick bündeln. Ein Spielprinzip im Vokabular der Gen Z.
- Ergebnis
- Ein klickbarer Prototyp über fünf App-Bereiche. Tests mit der Zielgruppe haben Annahmen korrigiert und Designentscheidungen geschärft.
Discover — Problem & Marktlücke
Gute Politik-Apps gab es schon, nur nicht für die Uninteressierten.
„Entwickle eine App, mit der Menschen herausfinden können, welche Politiker sie in der Regierung vertreten.“
Junge Menschen zwischen 16 und 25 informieren sich kaum von sich aus über Politiker. Wenn doch, dann kurz vor einer Wahl, und die Recherche fühlt sich nach Pflicht an, nicht nach Interesse.
Apps wie Polit Pro oder Face the Facts vermitteln Politikwissen in guter Qualität, aber sie erreichen die, die ohnehin suchen. Für die Mehrheit, die sich bisher nicht interessiert, gab es kein Angebot, das sie erst einmal hineinzieht. Dort setzte ich an: nicht noch eine Informations-App, sondern ein Zugang über das Spiel.
Bestehende Apps
Mein Ansatz: Politiker-Quartett
Die riskanteste Annahme war nicht das Spiel, sondern die Installation. Würde die Zielgruppe für Politik eine eigene App laden, statt auf TikTok und Instagram zu bleiben?
Define — Personas & Kernidee
Worüber die sozialen Medien lachen,
wurde zur Spielmechanik.
Die Idee entstand aus einer Beobachtung: Über Markus Söder, Philipp Amthor oder Christian Lindner machen sich die sozialen Medien ständig lustig, über Auftreten, Eigenheiten, Stilfragen. Diese Energie existiert bereits, sie fließt nur nirgendwo hin. Ein Spiel kann sie aufnehmen und in echte Information umlenken.
Auf dieser Basis habe ich zwei Personas entwickelt, bewusst hypothesenbasiert: ein Startpunkt, den die Nutzertests später prüfen sollten.
Persona
Paul, 18Gymnasiast, Leipzig„Politik ist so kompliziert, ich frage mich, ob es sich überhaupt lohnt, sich damit zu beschäftigen.“
Persona
Pia, 24Masterstudentin, Stuttgart„Informiert sein ist mir schon wichtig, aber es gibt so viele Meinungen, dass ich manchmal nicht mehr weiß, was ich glauben soll.“
Bevor ich in Figma ging, habe ich den Nutzungskontext von Hand skizziert: Eine Kommunalwahl steht an, Paul kennt die Kandidaten nicht, findet die App, spielt Quartett gegen Freunde und weiß am Ende, welche Politikerin er wählen möchte.


Die Fun-Faktoren bilden ab, worüber die Zielgruppe ohnehin spricht. Skandalometer und Cringefaktor sind kein Gag, sondern ihr Vokabular.


Develop — Prototyp
Aus über 30 Feature-Ideen blieben drei Kernmechaniken.
Den Prototyp habe ich in Figma gebaut, das ich für dieses Projekt von Grund auf gelernt habe. Er deckt fünf App-Bereiche ab:
Der Prototyp sollte sich wie eine echte App anfühlen, nicht wie ein Klickdummy. Deshalb über 70 verknüpfte Screens statt einzelner Musterflows.
Streng war die Scope-Entscheidung: Aus über 30 Feature-Ideen blieb nur, was direkt auf die drei Kernmechaniken einzahlt, Bewerten, Vergleichen, Sammeln. Alles andere wanderte dokumentiert auf den Parkplatz.
- Progressionssystem (Novize → Universalgelehrter)
- Follow-Funktion für Politiker
- Elo-basiertes Ranking für Duelle
- Social Sharing (Profilkarten für Instagram & TikTok)
- Push-Strategie (Skandale, Bewertungs-Updates)
- Erklärinhalte (Wahlsystem, Institutionen)

Validate — Nutzertests
Zwei Nutzertests bestätigten das Spielprinzip und entkräfteten vier Annahmen.
Den Prototyp habe ich mit zwei Personen qualitativ getestet, die zum Profil meiner Personas passen:
Interview 1
Michael, 25politisch eher desinteressiertInterview 2
Tom, 22durchschnittliches PolitikinteresseDie Interviews waren dreiteilig strukturiert: allgemeine Fragen zum Politikverhalten, freies Erkunden der App-Navigation, Gameplay-Test mit lautem Denken. Anschließend habe ich die Transkripte in einem Miro-Board thematisch geclustert und zu priorisierten Handlungsempfehlungen verdichtet.
Beide Testpersonen wollten die App häufiger nutzen. Der spielerische Zugang funktioniert, aber vier Details fielen durch.
„Ich fühle mich jetzt viel besser informiert über die Politiker, die ich gesehen habe.“
Positiv
- Spielkarten & Stats kommen sehr gut an
- Mehr Gamification gewünscht
- Stats prägnant, witzig & einprägsam
Kritisch
- Unklarheiten bei Begriffen & Kategorien
- Tutorial dringend notwendig
- Hierarchie der Werte schwer erkennbar
✓ Was validiert wurde
Michael: „Die Idee, Politik auf so eine alternative Weise zu vermitteln, finde ich richtig gut.“
Tom: „Gerade für Schüler wäre das ein geiles Ding für den Politikunterricht.“
✗ Was nicht funktionierte
„Votum abgeben“ Zu formell. Umbenannt in „Wert einloggen“
Kein Tutorial Spielprinzip nicht selbsterklärend. Ergänzt
Touch-Targets zu klein Swipe-Navigation inkonsistent. Vergrößert
Punktesystem intransparent Als offenes Designproblem dokumentiert
P0 — Sofort umsetzen
Tutorial zum Spiel ergänzen
Einfache Sprache verwenden, „Wert einloggen“ statt „Votum“
P1 — Nächste Iteration
Hierarchie der Werte erkennbar machen
„Bevorstehend“-Sektion eindeutiger
Punktesystem transparenter
P2 — Spätere Iterationen
Weitere Gamification, Streaks, Belohnungen
Komplexität durch Game Modi erhöhen


Iterate — Konsequenzen
Aus vier verworfenen Annahmen wurde ein priorisierter Fahrplan.
Die Handlungsempfehlungen habe ich nach Aufwand und Nutzerwert priorisiert und direkt in den Prototyp zurückgespielt: ein Tutorial vor dem ersten Spiel, einfachere Sprache, größere Touch-Targets in der Swipe-Navigation. Das Punktesystem blieb offen, als dokumentiertes Designproblem statt als schnelle Notlösung.
Jede Änderung geht auf konkretes Nutzerfeedback zurück. Umgebaut habe ich nur, was im Test wirklich Probleme machte.
Learnings
Das Projekt hinterließ drei Erkenntnisse und eine ungetestete Annahme.
01
Hypothesenbasierte Personas sind ein Startpunkt, kein EndpunktDie Nutzertests haben bestätigt, dass die Grundannahmen stimmen. In echter Produktentwicklung wäre der nächste Schritt die quantitative Validierung.
02
Tutorials sind nie optional, auch nicht bei einfachen MechanikenBeide Tester brauchten eine Runde, um das Spielprinzip zu verstehen. Onboarding wird getestet, nicht angenommen, auch bei Mechaniken, die man selbst für intuitiv hält.
03
Sprache ist UX„Votum abgeben“ oder „Wert einloggen“ klingt nach einem Detail, war aber der Unterschied zwischen Verwirrung und Verständnis. Microcopy verdient denselben Designprozess wie Layouts.
Die riskanteste Annahme ist bis heute ungetestet.
Beide Tests prüften das Spiel im Prototyp, nicht die Bereitschaft, dafür eine eigene App zu laden. Diese Frage wäre der nächste, härtere Test.
Bildnachweise
Die Fotos in den Spielkarten-Mockups stehen unter Creative-Commons-Lizenzen und sind für die Karten beschnitten.
- Angela Merkel, Kartenvorderseite: „Angela Merkel (2008)“, א (Aleph), CC BY-SA 2.5, via Wikimedia Commons, Ausschnitt.
- Angela Merkel, Kartenrückseite: „Angela Merkel im Christlichen Gästezentrum Schönblick“, Medienmagazin pro, CC BY-SA 2.0, via Flickr, Ausschnitt.
- Olaf Scholz: „Reunião com o Chanceler Olaf Scholz, 18.07.2023“, Palácio do Planalto / Ricardo Stuckert, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons, Ausschnitt.
- Hendrik Wüst: „Hendrik Wüst speaking at Aufstehen und Demokratie verteidigen protest, Berlin 2024“, Leonhard Lenz, CC0 1.0, via Wikimedia Commons, Ausschnitt.
- Henriette Reker: „Pressetermin Henriette Reker bezieht Amtszimmer“, Raimond Spekking, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, Ausschnitt.
- Boris Pistorius: „German Defense Minister Boris Pistorius at the Pentagon, 28.06.2023“, U.S. Secretary of Defense / Alexander Kubitza, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons, Ausschnitt.
- Christian Lindner: „Christian Lindner“, smokeonthewater., CC BY 2.0, via Flickr, Ausschnitt.






