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Case 01 — Politik AppCase Study · UX Design

Wie bringt man 20-Jährige dazu, sich freiwillig mit Politik zu beschäftigen?

Eine App, die junge Menschen spielerisch an Politik heranführt. Zwei Nutzertests haben meine Hypothesen geprüft.

ResearchPrototypingHypothesen-Validierung

Spielkarte der Politik App mit Olaf Scholz
Rolle
AlleinverantwortlichResearch, Design & Test
Zeitraum
~8 WochenVom Briefing bis zum Nutzertest
Kontext
WeiterbildungGoogle UX Design Certificate

Auf einen Blick

Problem
Politik wirkt kompliziert und weit weg. Junge Menschen informieren sich erst kurz vor einer Wahl, wenn überhaupt.
Ansatz
Politiker als Quartett-Karten, die alle wichtigen Infos auf einen Blick bündeln. Ein Spielprinzip im Vokabular der Gen Z.
Ergebnis
Ein klickbarer Prototyp über fünf App-Bereiche. Tests mit der Zielgruppe haben Annahmen korrigiert und Designentscheidungen geschärft.
70+ScreensFigma-Prototyp
5App-BereicheHome, Politiker, Play, Wissen, Profil
2NutzertestsMit der Zielgruppe, Annahmen korrigiert
01

Discover — Problem & Marktlücke

Gute Politik-Apps gab es schon, nur nicht für die Uninteressierten.

Aufgabenstellung — Google UX Design Kurs
„Entwickle eine App, mit der Menschen herausfinden können, welche Politiker sie in der Regierung vertreten.“

Junge Menschen zwischen 16 und 25 informieren sich kaum von sich aus über Politiker. Wenn doch, dann kurz vor einer Wahl, und die Recherche fühlt sich nach Pflicht an, nicht nach Interesse.

Apps wie Polit Pro oder Face the Facts vermitteln Politikwissen in guter Qualität, aber sie erreichen die, die ohnehin suchen. Für die Mehrheit, die sich bisher nicht interessiert, gab es kein Angebot, das sie erst einmal hineinzieht. Dort setzte ich an: nicht noch eine Informations-App, sondern ein Zugang über das Spiel.

Bestehende Apps

ZielgruppeBereits politisch Interessierte
ZugangInformativ, detailreich, Nachschlagen
MechanikLesen & Recherchieren
MotivationPflichtgefühl, Wissensdurst

Mein Ansatz: Politiker-Quartett

ZielgruppeDie bisher Uninteressierten, Gen Z
ZugangSpielerisch, Entdecken durch Spielen
MechanikBewerten, Vergleichen, Sammeln
MotivationSpaß, Wettbewerb, Social Sharing

Die riskanteste Annahme war nicht das Spiel, sondern die Installation. Würde die Zielgruppe für Politik eine eigene App laden, statt auf TikTok und Instagram zu bleiben?

02

Define — Personas & Kernidee

Worüber die sozialen Medien lachen, wurde zur Spielmechanik.

Die Idee entstand aus einer Beobachtung: Über Markus Söder, Philipp Amthor oder Christian Lindner machen sich die sozialen Medien ständig lustig, über Auftreten, Eigenheiten, Stilfragen. Diese Energie existiert bereits, sie fließt nur nirgendwo hin. Ein Spiel kann sie aufnehmen und in echte Information umlenken.

Auf dieser Basis habe ich zwei Personas entwickelt, bewusst hypothesenbasiert: ein Startpunkt, den die Nutzertests später prüfen sollten.

Persona

Paul, 18Gymnasiast, Leipzig

„Politik ist so kompliziert, ich frage mich, ob es sich überhaupt lohnt, sich damit zu beschäftigen.“

Sucht ·Kurze, verständliche Infos an einem Ort
Frust ·Trocken und langweilig aufbereitet

Persona

Pia, 24Masterstudentin, Stuttgart

„Informiert sein ist mir schon wichtig, aber es gibt so viele Meinungen, dass ich manchmal nicht mehr weiß, was ich glauben soll.“

Sucht ·Sich eine Meinung bilden und mitreden können
Frust ·Wahrheitsgehalt von Quellen schwer zu beurteilen

Bevor ich in Figma ging, habe ich den Nutzungskontext von Hand skizziert: Eine Kommunalwahl steht an, Paul kennt die Kandidaten nicht, findet die App, spielt Quartett gegen Freunde und weiß am Ende, welche Politikerin er wählen möchte.

Artefakt · Storyboard, handgezeichnet, unverändert
Handgezeichnetes Storyboard, Nutzungskontext in sechs Panels
Big Picture — Nutzungskontext in sechs Panels
Handgezeichnetes Storyboard des Gameplay-Flows
Close-up — Gameplay-Flow bis zum Duell-Sieg

Die Fun-Faktoren bilden ab, worüber die Zielgruppe ohnehin spricht. Skandalometer und Cringefaktor sind kein Gag, sondern ihr Vokabular.

App-Screen: Spielkarte Angela Merkel, Vorderseite
Vorderseite — Fakten und Community-Werte
App-Screen: Spielkarte Angela Merkel, Rückseite
Rückseite — Positionen und Infos
03

Develop — Prototyp

Aus über 30 Feature-Ideen blieben drei Kernmechaniken.

Den Prototyp habe ich in Figma gebaut, das ich für dieses Projekt von Grund auf gelernt habe. Er deckt fünf App-Bereiche ab:

HomeTrending Politiker und News
PolitikerSwipe-basiertes Politiker-Browsing und Bewertung
PlayQuartett-Gameplay
WissenWahltrends, politisches System
ProfilPolitische Haltung, Top Voices
Artefakt · Sieben Screens aus dem Figma-Prototyp, unverändert
App-Screen: Home mit Trending-Politikern und Game-Mode-Auswahl
Home — Trending und Spieleinstieg
App-Screen: Politiker Trumpf mit den Spielmodi Single, Online und Friends
Play — Modi und Kartendeck
App-Screen: Profil mit Rang, politischer Haltung und Top Voices
Profil — Haltung und Top Voices
App-Screen: Kartenduell Reker gegen Wüst mit Gleichstand
Play — Kartenduell, Gleichstand
App-Screen: Politiker-Karte bewerten, Swipe nach links oder rechts
Politiker — Bewerten per Swipe
App-Screen: neue Spielkarte Olaf Scholz zum Kartendeck hinzufügen
Play — neue Karte gezogen
App-Screen: Wissensbereich mit Wahltrend-Diagramm
Wissen — Wahltrends

Der Prototyp sollte sich wie eine echte App anfühlen, nicht wie ein Klickdummy. Deshalb über 70 verknüpfte Screens statt einzelner Musterflows.

Streng war die Scope-Entscheidung: Aus über 30 Feature-Ideen blieb nur, was direkt auf die drei Kernmechaniken einzahlt, Bewerten, Vergleichen, Sammeln. Alles andere wanderte dokumentiert auf den Parkplatz.

Artefakt · Feature-Parkplatz aus der Scope-Entscheidung, unverändert
  • Progressionssystem (Novize → Universalgelehrter)
  • Follow-Funktion für Politiker
  • Elo-basiertes Ranking für Duelle
  • Social Sharing (Profilkarten für Instagram & TikTok)
  • Push-Strategie (Skandale, Bewertungs-Updates)
  • Erklärinhalte (Wahlsystem, Institutionen)
Übersicht aller Screens des Figma-Prototyps aus der Vogelperspektive
Flow-Übersicht — 70+ vernetzte Screens
04

Validate — Nutzertests

Zwei Nutzertests bestätigten das Spielprinzip und entkräfteten vier Annahmen.

Den Prototyp habe ich mit zwei Personen qualitativ getestet, die zum Profil meiner Personas passen:

Interview 1

Michael, 25politisch eher desinteressiert

Interview 2

Tom, 22durchschnittliches Politikinteresse

Die Interviews waren dreiteilig strukturiert: allgemeine Fragen zum Politikverhalten, freies Erkunden der App-Navigation, Gameplay-Test mit lautem Denken. Anschließend habe ich die Transkripte in einem Miro-Board thematisch geclustert und zu priorisierten Handlungsempfehlungen verdichtet.

Beide Testpersonen wollten die App häufiger nutzen. Der spielerische Zugang funktioniert, aber vier Details fielen durch.

„Ich fühle mich jetzt viel besser informiert über die Politiker, die ich gesehen habe.“
Michael, Testperson, nach dem Gameplay-Test

Positiv

  • Spielkarten & Stats kommen sehr gut an
  • Mehr Gamification gewünscht
  • Stats prägnant, witzig & einprägsam

Kritisch

  • Unklarheiten bei Begriffen & Kategorien
  • Tutorial dringend notwendig
  • Hierarchie der Werte schwer erkennbar

✓ Was validiert wurde

Michael: „Die Idee, Politik auf so eine alternative Weise zu vermitteln, finde ich richtig gut.“

Tom: „Gerade für Schüler wäre das ein geiles Ding für den Politikunterricht.“

✗ Was nicht funktionierte

„Votum abgeben“ Zu formell. Umbenannt in „Wert einloggen“

Kein Tutorial Spielprinzip nicht selbsterklärend. Ergänzt

Touch-Targets zu klein Swipe-Navigation inkonsistent. Vergrößert

Punktesystem intransparent Als offenes Designproblem dokumentiert

Artefakt · Priorisierung aus den Nutzertests, unverändert

P0 — Sofort umsetzen

Tutorial zum Spiel ergänzen

Einfache Sprache verwenden, „Wert einloggen“ statt „Votum“

P1 — Nächste Iteration

Hierarchie der Werte erkennbar machen

„Bevorstehend“-Sektion eindeutiger

Punktesystem transparenter

P2 — Spätere Iterationen

Weitere Gamification, Streaks, Belohnungen

Komplexität durch Game Modi erhöhen

App-Screen: Kartenvergleich mit Win Screen
Kartenvergleich — Win Screen
App-Screen: Belohnungsmoment beim Kartenziehen
Belohnungsmoment — Karte ziehen
05

Iterate — Konsequenzen

Aus vier verworfenen Annahmen wurde ein priorisierter Fahrplan.

Die Handlungsempfehlungen habe ich nach Aufwand und Nutzerwert priorisiert und direkt in den Prototyp zurückgespielt: ein Tutorial vor dem ersten Spiel, einfachere Sprache, größere Touch-Targets in der Swipe-Navigation. Das Punktesystem blieb offen, als dokumentiertes Designproblem statt als schnelle Notlösung.

Jede Änderung geht auf konkretes Nutzerfeedback zurück. Umgebaut habe ich nur, was im Test wirklich Probleme machte.

06

Learnings

Das Projekt hinterließ drei Erkenntnisse und eine ungetestete Annahme.

  1. 01

    Hypothesenbasierte Personas sind ein Startpunkt, kein Endpunkt

    Die Nutzertests haben bestätigt, dass die Grundannahmen stimmen. In echter Produktentwicklung wäre der nächste Schritt die quantitative Validierung.

  2. 02

    Tutorials sind nie optional, auch nicht bei einfachen Mechaniken

    Beide Tester brauchten eine Runde, um das Spielprinzip zu verstehen. Onboarding wird getestet, nicht angenommen, auch bei Mechaniken, die man selbst für intuitiv hält.

  3. 03

    Sprache ist UX

    „Votum abgeben“ oder „Wert einloggen“ klingt nach einem Detail, war aber der Unterschied zwischen Verwirrung und Verständnis. Microcopy verdient denselben Designprozess wie Layouts.

Die riskanteste Annahme ist bis heute ungetestet.

Beide Tests prüften das Spiel im Prototyp, nicht die Bereitschaft, dafür eine eigene App zu laden. Diese Frage wäre der nächste, härtere Test.

Bildnachweise

Die Fotos in den Spielkarten-Mockups stehen unter Creative-Commons-Lizenzen und sind für die Karten beschnitten.

  • Angela Merkel, Kartenvorderseite: „Angela Merkel (2008)“, א (Aleph), CC BY-SA 2.5, via Wikimedia Commons, Ausschnitt.
  • Angela Merkel, Kartenrückseite: „Angela Merkel im Christlichen Gästezentrum Schönblick“, Medienmagazin pro, CC BY-SA 2.0, via Flickr, Ausschnitt.
  • Olaf Scholz: „Reunião com o Chanceler Olaf Scholz, 18.07.2023“, Palácio do Planalto / Ricardo Stuckert, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons, Ausschnitt.
  • Hendrik Wüst: „Hendrik Wüst speaking at Aufstehen und Demokratie verteidigen protest, Berlin 2024“, Leonhard Lenz, CC0 1.0, via Wikimedia Commons, Ausschnitt.
  • Henriette Reker: „Pressetermin Henriette Reker bezieht Amtszimmer“, Raimond Spekking, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, Ausschnitt.
  • Boris Pistorius: „German Defense Minister Boris Pistorius at the Pentagon, 28.06.2023“, U.S. Secretary of Defense / Alexander Kubitza, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons, Ausschnitt.
  • Christian Lindner: „Christian Lindner“, smokeonthewater., CC BY 2.0, via Flickr, Ausschnitt.